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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
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Neues Projekt

 

Gedanken zu Hannah Arendts Persönlichkeit

 

 

 

Nicht nur Straßen, Parks und Plätze sind mittlerweile nach Hannah Arendt benannt, sondern sogar ein ICE-Zug. 1906 geboren, Jüdin, Emigrantin, Philosophin und Frau: die besten Voraussetzungen für eine Kultfigur. Kritik an ihr ist weitgehend vergessen oder im Allgemeinen gar nicht bekannt. Über ihre dubiosen Bemerkungen im Eichmann-Buch wurde viel gestritten, ihr Liebesverhältnis zu Heidegger wird kritisiert oder allenfalls bestaunt, ihrer Philosophie wird immer wieder Aktualität bescheinigt. Weniger Beachtung findet, dass sich Arendt nicht nur im Eichmann-Buch als höchst arrogant erweist, sondern auch in ihrer Tausende Seiten umfassenden Korrespondenz. Mich interessiert, was hinter diesem nicht unbedingt sympathischen Charakterzug steckt, was sie veranlasst hat, zu behaupten, wenn sich die Juden gewehrt hätten, wären nicht so viele umgebracht worden, und warum sie Heidegger – wiewohl sie ihn für einen charakterlosen, schamlosen Lügner hielt und wissend, dass sie ihm verfallen war – 1950 in Freiburg besuchte, wenn auch nur kurz, die Liebesbeziehung zu ihm wieder aufnahm, die in Folge in eine Art Freundschaft überging, und ihn zunehmend auf unbegreifliche Weise exkulpierte. Sicher spielen gesellschaftliche Faktoren eine Rolle: die aufgeklärte und emanzipierte intellektuelle Jüdin der 1920er-Jahre, aber auch ihre Verfolgung und Emigration. Gewiss stecken aber noch tiefer liegende Gründe dahinter, denen ich auf die Spur kommen will.