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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
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Betty, Ida und die Gräfin

Rezensionen

Karl Müller

 

Claudia Erdheim: Betty, Ida und die Gräfin. Die Geschichte einer Freundschaft. Wien. Czernin Verlag 2013

Mit ihrer jüngsten Publikation Betty, Ida und die Gräfin. Die Geschichte einer Freundschaft (2013) führt Claudia Erdheim ihr spätestens seit Längst nicht mehr koscher. Die Geschichte einer Familie (Czernin Verlag 2006) in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes und aufregendes Schreibprojekt eines historischen Romans bzw. einer Romanbiographie weiter, ohne dabei ihr spezifisches stilistisches Profil aufzugeben – strikt im Präsens verfasste, lakonisch-schnörkellose, „harte“, metaphernskeptische und mit vielen dialogischen Passagen angereicherte und wohl gerade deswegen so realitätsnah wirkende Prosa einer sich als literarische Empirikerin verstehenden Autorin.

 

Erdheim wagte sich Mitte der 1980er Jahre mit zwei aus beklemmender autobiographischer Erfahrung stammenden und im Milieu der psychotherapeutischen Praxis angesiedelten literarischen Prosastücken (Bist Du wahnsinnig geworden? 1984, Herzbrüche 1985) an die Öffentlichkeit. Darauf folgten zahlreiche Prosatexte, in denen teilweise halbkriminelle, jedenfalls oft bedenkliche Bannkreise universitärer, familiärer, geschäftemacherischer, beziehungskonfliktuöser, körperbezogener und medizinischer Wirklichkeiten thematisiert werden (z. B. Ohnedies höchstens die Hälfte. Roman 1987, Die Realitätenbesitzerin. Roman 1993, Karlis Ferien. Erzählungen 1994, So eine schöne Liebe. Roman 1995, Virve. Erzählungen 1998, Früher war alles besser. Geschichten aus Russland 2000). 2006 gelang der Autorin mit der breit recherchierten romanhaften Familiengeschichte Längst nicht mehr koscher – einem für das Schicksal des Ostjudentums paradigmatischen Aufriss ihrer eigenen, aus Galizien stammenden Familie – eine Art Ankommen in jenem Metier, das sie nun zur „Erdheim“ macht. Die lustvolle und oft auch angesichts der entdeckten Ungeheuerlichkeiten im Schrecken vorangetriebene historische Recherche wurzelt nun schon seit einem Jahrzehnt in ihrem unablässigen Bemühen, die historischen, die kulturellen Tiefendimensionen unterschiedlicher Epochen und Welten zu erforschen und deren komplexe Zusammenhänge in Menschen dieser Zeiten zu spiegeln und in dichten Schilderungen faktenreich zu vergegenwärtigen. Ein faszinierendes literarisches Schreib-Projekt jedenfalls, dem sich die Autorin widmet.

 

Diesmal sind es etwa 50 österreichische Jahre des 19. Jahrhunderts zwischen der Zeit vor der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 und dem Tode von Betty im Jahre 1894 – Betty Paoli (geb. 1814, Pseud. für Barbara/Betti Glück) – einer für Zeitgenossen von heute weitgehend im Schatten befindlichen Epoche der Donaumonarchie. Die Paoli, die Gesellschafterin und in ihrer Zeit hoch geschätzte, heute praktisch vergessene Schriftstellerin, verleugnete Tochter des Fürsten Nikolaus von Esterházy, ist eine der drei befreundeten Frauen, derer sich Erdheim annimmt und die uns – entlang von deren sensibel differenzierten Freundschaften – ein Panorama der meist fremd gewordenen Zeitverhältnisse bietet.

 

Die aus einer reichen Münchner jüdischen Familie stammende Ida Marx (1825–1899), die seit 1845 in Wien glücklich mit dem 1875 in den Adelsstand erhobenen Bankier und späteren Chef der Wiener Tramwaybahn Carl Fleischl-Marxow (1818-1893) verheiratete, sehr kunstsinnige, seelengute und in erstaunlich inniger Freundschaft mit Betty Paoli verbundene Mutter von fünf Kindern (u. a. Ernst 1846–1891: Physiologe, Akademie-Mitglied, Patient von Sigmund Freud, früher und qualvoller Tod; Otto 1849–1937, Richard 1853–1901; leider erfahren wir wenig über Tochter Pauline 1848–1913, Mutter von 11 Kindern und Paul 1851-1923) ist die zweite außergewöhnliche Frau im Dreier-Bunde. Auch Idas Söhnen Ernst und Richard, in Ansätzen auch ihrem Sohn Otto bzw. den Ehefrauen Richards und Ottos sind wichtige und beklemmende Abschnitte des Romans gewidmet – Krankheit, Scheidung, Selbstmord, Sterben – Lebenskatastrophen. Die dritte im Freundschaftsbunde ist Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830–1916), die – etwas später in den Roman eingeführt – wohl in mehrfacher Hinsicht modernste und fortschrittlichste der drei Frauen, der hauptsächlich die Funktion zukommt, noch helleres Licht auf Bettys und Idas Haltungen zu Lebensformen und Kunst zu werfen. Dabei wird zunehmend auch eine in Maßen kritische Distanz zu Betty fassbar und zugleich die zunehmende Bewunderung für die emanzipative, nicht-beigebende, freundschaftsbegabte sowie überaus literatursensible Kraft Idas, die für Marie nicht zuletzt zu einer Art Lektorin und Vertrauten in Fragen des literarischen Geschmacks avanciert.

 

Claudia Erdheim ist offensichtlich eine begeisterte Zeitungsleserin und kann überdies auf zahlreiche Korrespondenzen, Tagebücher und andere Lebenszeugnisse aus Wiener Archiven zugreifen – leider nur auf wenige authentische der Ida Fleischl, über die aber viele Dokumente aus der Feder von Betty sowie Marie so anregend berichten, dass sich die Autorin dennoch ein lebendiges und wirklichkeitsnahes Bild ausphantasieren kann. Erdheims Kreativität ist nicht allein auf den literarischen Schreibprozess beschränkt, der für sie übrigens keinen mühseligen Kraftakt darstellt, wie man angesichts des überbordenden Materials, das es zu bündeln, zu ordnen und leserfreundlich zu konzeptionieren gilt, annehmen dürfte, sondern verwirklicht sich auch in ihrer historischen Recherche, bei der sie sich – offenbar ihr Erkenntnis- und Darstellungsinteresse im Auge – ihren kritischen Blick auf das vorerst vielleicht als irrelevant Erscheinende bewahrt und zugleich ein exzellentes Erinnerungsvermögen besitzen muss. Aber genau diese Fähigkeiten garantieren letztlich überraschende Einblicke auch in die Gefühls- und Gedankenwelten der Romanfiguren und machen diese zu anschaulichen Größen.

 

Die Autorin skizziert also am Exempel der Lebenswelten und Profile der drei genannten hochgebildeten Frauen aus österreichischem Adel und jüdisch-deutschösterreichischem Bürgertum des 19. Jahrhunderts einen wohl letzten historischen Moment von Möglichkeiten und zugleich Grenzen jener Symbiose, die die Kulturgeschichtsschreibung allenthalten elegisch beschwört – und dies natürlich eingebettet in die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte der Epoche (Revolution, Krieg, patriarchale Verhältnisse, Antisemitismus als beginnende Massenbewegung, technischer und medizinischer Fortschritt, moderne Kunstbewegungen u.a.m.). Was Erdheim in ihrem nicht-harmonistischen Blickfeld hat, sind die vorhandenen, im Rahmen der noch als „natürlich“ wahrgenommenen gesellschaftlichen Ordnung möglichen Handlungsspielräume von adeligen und assimilierten jüdischen bürgerlichen Frauen wie Betty, Ida und Marie – im Zeichen des in der Tradition der Aufklärung stehenden Bildungs- und Kulturkonzeptes. Es sind eben Frauen, die an Bildung, Treue, Freundschaft und Tarock-Geselligkeit „in der Lüge Brodem“, wie es in Bettys aus eigener Feder verfasster „Grabschrift“ für sie selbst heißt, festhalten, sie gerade beschwören – offensichtlich als individuelle, aber nicht kollektiv zu lebende Garanten bzw. Abwehrkräfte für/gegen eine zunehmend instabil und undurchschaubar gewordene Welt: „Welche Menagerie von Wildkatzen, Eseln und Affen ist doch die Welt!“

 

Ein bis heute also faszinierender Frauen-Schutzraum vergangener Epochen: Ganz besonders bewegt dabei die Figur der aus dem jüdischen Besitzbürgertum stammenden Ida, die weniger redet und klagt, so wie dies die „nervöse“, ja hypochondrisch veranlagte und ab und zu sogar unzumutbar fordernde und ihren an Klassik und Romantik geschulten Kunstgeschmack verkündende Betty tut. Dagegen handelt Ida in bewunderungswürdiger Art und Weise praktisch und konkret, indem sie Betty etwa ein Leben lang Quartier bietet – trotz dauernder und zeittypischer Umzugs- und sonstiger persönlicher und familiärer Sorgen. Claudia Erdheim trägt keine Scheuklappen. Sie käme nicht aus einer links orientierten Familie, würde sie nicht auch anderen Frauen aus niedrigen Ständen sogar kapitelweise und respektvoll, auch humorvoll Beachtung schenken, etwa dem treuen Dienstmädel Helene aus Lienz oder der treuen Kathi, der tschechischen Köchin, sowie deren Leistungen im Alltag. Und: Erdheim weiß auch um Inklusion und Exklusion in der vornehmen adelig-jüdisch-bürgerlichen Frauenwelt – unbegabte Schriftstellerinnen, wie etwa Adele Wesemal (oder Wesemäl, Pseud. Hermine Wild, geb. 1825), dürfen zwar auf soziales Mitleid hoffen, aber dazugehören können sie zum Frauentrio nicht.

 

Das in etwa 30 Kapiteln chronologisch aufgefächerte historische Panorama, das uns Claudia Erdheim auf ca. 350 Seiten ausbreitet, bietet auch an der Textoberfläche für den Kenner/die Kennerin interessant Kulturgeschichtliches. Einstmals bekannte und heute fast vergessene Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Theater, Literatur, Kunst, Philosophie, Medien und – ganz besonders auffällig, aber nicht zufällig – aus der Medizin werden genannt, persönliche Begegnungen oder auch nur in den Korrespondenzen und fiktiven Dialogen auftauchende Namen: Fürstin Maria Anna von Schwarzenberg, Levitschnigg, Kompert, Saar, Laube, Lord Byron, George Sand, Grillparzer, Ludwig Gabillon, Bauernfeld, Bulwer-Lytton, Zedlitz, Nestroy, Moritz Hartmann, die Droste, Stifter, Schopenhauer und Nietzsche, Billroth, Breuer, Freud usf. usf., weiters Titel von ehemals geschätzten Theaterstücken, bekannten Zeitungen und Zeitschriften sowie – geradezu eine Landkarte der Monarchie ausbreitend, beliebte Reiseziele, Sommerfrischen- und Kurorte vom damals Feinen: Im wiederholt besuchten St. Gilgen z. B. sollte Idas Mann sterben. Wer mag, kann sich insbesondere auch eine kleine Geschichte der Zivilisationskrankheiten und körperlichen Schrecknisse der Epoche und eine solche des Standes der medizinischen Kunst der Zeit und hygienischer Verhältnisse aneignen oder Wissenswertes über die üblichen (Vorlese)-Lektüren der Gebildeten und des Redens darüber, über das Feiern und Festegeben, das Salonwesen, die beliebten Speisen oder den Versuchen, sich die Welt nach neuester philosophischer Manier zurecht zu legen. Weitab von diesem Leben findet statt, was man Politik nennt, wie man in den Geschichtsbüchern nachlesen kann. Und: Ungeheuerlichkeiten werden oft nur en passant angedeutet, so wie die Autorin solches wohl in ihren Unterlagen vorgefunden hat, mit denen sie aber nicht nur kopierend, sondern bewusst freihändig, aber glaubwürdig und wahrhaftig – „wie es hätte sein können“, wie die Autorin in Interviews schon wiederholt meinte – umgeht: Dichtung und Wahrheit: erfundene Briefe? erfundene Dialoge – Wahrscheinlichkeits-Konstruktionen – romanhafte Geschichtserzählung.

  

Man – die Autorin selbst? der Verlag? – hat sich zwar die Mühe gemacht, ein „Glossar“ zu erstellen, in dem Wörter von „Akosmismus“ und „Allopath“ über „Kiddusch“ und „Shir zion“ bis „Zacherl-Pulver“ und „zyanotisch“ verdienstvollerweise erklärt werden, aber man ist offenbar nicht auf den Gedanken gekommen oder wollte sich nicht die ohnehin leichte Mühe machen, ein Orts- und Personenverzeichnis und einen Stammbaum der Fleischl- und Marx-Familie mitzuliefern. Die dichte romanhafte Geschichtserzählung hätte sich solches verdient und würde für das auch historisch interessierte Publikum die Lust dieser erhellenden Lektüre noch einmal steigern.

  

Claudia Erdheim kündigt an, ihr historiographisches Recherche- und Schreibprojekt weiter zu führen – noch tiefer hinein in die Vergangenheit Wiens: Nun will sie zurück in das jüdische Ghetto des 17. Jahrhunderts und seiner Schicksale – ein Kriminalfall soll die Epoche spiegeln. Wir freuen uns sehr auf das neue Buch, so wie wir große, gewinnbringende Freude an der Lektüre von Betty, Ida und die Gräfin hatten.

Wien ist ein Höllenpfuhl

GALINA HRISTEVA

31. Jänner 2014, 17:58

 

Claudia Erdheims neuer Roman "Betty, Ida und die Gräfin. Die Geschichte einer Freundschaft " seziert die Wiener Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

 

Wer in Claudia Erdheims neuem Roman Betty, Ida und die Gräfin. Die Geschichte einer Freundschaft den gemächlichen, im behaglichen bürgerlichen Salon oder in den ruhigen Gewässern der weltentrückten Poesie angesiedelten Roman vermutet, wird schnell seinen Irrtum erkennen. Der Roman besticht zwar mit anmutigen Dialogen und mancher gehobenen ästhetischen Diskussion, ist aber mit dem "Herzblut der Poesie" geschrieben. Sowohl das Erhabene, das uns nach Schiller "von der sinnlichen Welt befreit", als auch das Schöne, das uns an sie "bindet", erweisen in diesem Roman, der auch das übliche Diktum "Genie und Leidenschaft" umwertet, ihre Unzulänglichkeit.

 

Zwei der drei weiblichen Protagonisten in Erdheims Roman sind Dichterinnen. Zuallererst die Lyrikerin Betty Paoli, die aussieht "wie eine, die eher Geschichten hat als Gedichte schreibt". "Dunkle ruhelose Augen", "ein satirisches Lächeln" und "etwas Leidenschaftliches, Konvulsivisches". Betty, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen muss und ohne Zigarren nicht arbeiten kann, kennt alle "geistigen Größen" Wiens. Franz Grillparzer, Heinrich Laube, Ferdinand von Saar, Adalbert Stifter, Nikolaus Lenau gehören zu ihrem Freundeskreis und sind daher auch häufige Gäste in Erdheims Roman.

 

Dann die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach - ehemalige Comtesse Dubsky -, "eine gescheite, empfindsame Frau, eine vortreffliche Persönlichkeit" von "unendliche[r] Güte", wie Betty Paoli gleich bei ihrem ersten Treffen feststellt. Keine Dichterin, aber von ebenso prächtigem literarischem Spürsinn und Geschmack und von einer genauso "starke[n] und tieffühlende[n] Natur" ist die Dritte im Bunde - Ida Fleischl, eine Dame aus dem jüdischen Großbürgertum. Dichten und das gemeinsame Tarockspielen sind der Lebenssinn dieser drei Frauen. Man genießt das Salonleben in Wien, man reist (wobei der Leser ein Stück Geschichte der Eisenbahnfahrt mit auf den Weg bekommt), und man geht ins Theater.

 

Erdheim enthüllt ein ganzes Kapitel glamouröser Wiener Theatergeschichte - so neben einigen Burgtheaterintrigen die Entwicklung des Burgtheaters unter Heinrich Laube oder die Wiedereröffnung des Carltheaters nach einer vorläufigen Schließung im Revolutionsjahr 1848 mit Nestroys Die beiden Nachtwandler.

 

Doch die Geschichte der Freundschaft der drei Frauen ist auch die Geschichte der Kataklysmen und Eruptionen im Habsburgerreich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wir erleben in diesem Roman, den man mit gutem Recht einen historischen nennen kann, nicht nur viel Wiener Lokalkolorit (einschließlich böhmischer Speisen wie Golatschen und Powidltascherln), sondern auch die Märzrevolution von 1848 und Fürst von Metternichs Rücktritt, den Kampf um die Gewährung der Judenemanzipation, den Ausbruch der Cholera und die Schlacht bei Königgrätz im Jahre 1866. Eine Seismografie der österreichischen Gesellschaft also, die auch den schlummernden und sein hässliches Haupt zunehmend erhebenden Antisemitismus mit seinen Schimpfparolen wie "Saujuden hinaus" oder "Haut die Juden nieder" nicht verschweigt.

 

"Wien ist ein Höllenpfuhl. Man atmet nichts als giftige Dämpfe ein", meint auch Betty Paoli. "Betty ist unwohl. Leidend, sehr leidend." Selten ist die Nervosität der Zeit so einfühlsam und zugleich so präzis erfasst worden wie in Erdheims Betty, Ida und die Gräfin. "Ruhe, Müßiggang und frische Luft" lautet das Rezept der zeitgenössischen Ärzte gegen die Nervosität, die große Geißel, die - wie man sieht - lange vor der Jahrhundertwende am Werk war.

 

Kuren und Ärzte, darunter große Namen wie Hyrtl, Chrobak, Billroth oder Breuer, sind aus diesem Roman, der auch ein faszinierendes Panorama der damaligen Modekurorte Ischl, Baden, Franzensbad, Karlsbad usw. unterbreitet, nicht wegzudenken. Claudia Erdheim lässt das gesamte Arsenal der ärztlichen Kunst von damals auffahren - Blutegel, Schwefel- und Solebäder, Elektrisieren, diverse Mittel gegen Zahnschmerzen.

 

Diese Verschränkung von Literatur- und Medizingeschichte bzw. Nervositätsdiskurs lässt die weiblichen Zentralfiguren als Menschen aus Fleisch und Blut und nicht als Exemplare aus dem literaturgeschichtlichen Herbarium erscheinen. Nicht zuletzt ist es aber auch eine Geschichte der ärztlichen Ohnmacht wie im Fall von Idas Sohn Ernst Fleischl von Marxow, der sich während einer Obduktion mit Leichengift infiziert hatte und mehrmals erfolglos operiert wurde.

 

Aus dieser ärztlichen Ohnmacht sollten bald neue Heilmethoden wie die Psychoanalyse entstehen, doch es zeugt von Claudia Erdheims Um- und Weitsicht, dass sie zwar Sigmund Freud - neben Sigmund Exner ein guter Freund Ernst Fleischls - in ihrem Roman auftreten und Betty elektrisieren lässt, aus dieser Episode aber keine Dividenden zieht, um beispielsweise einen Freud-Roman zu schreiben. Viel wichtiger als Freud ist in ihrem Buch dessen Mentor Dr. Josef Breuer, der Familienarzt der Fleischls, der im besten Sinne Medizin und Literatur verbindet, steht er doch den Protagonistinnen - vor allem der Gräfin Marie von Ebner-Eschenbach - sowohl mit medizinischem als auch mit literarischem Rat immer zur Seite.

 

"Genie und Leidenschaft" ergießen sich in diesem Roman also nicht "in erhabenen Orkanen" und "prachtvollen Blitzen", wie sich die Protagonistinnen dies wünschen, sondern sind von ihrem zermürbenden Schmerz und Leid, von ihren "Herzkrämpfen" gezeichnet. Erdheims "Geschichte der drei Freundinnen" ist ungemein dicht, aber äußerst dynamisch und lebendig in durchgehendem Präsens wiedergegeben - fast eine Inszenierung. Die dramatische Kunst der Autorin verbindet die Darstellung der "Seelenkämpfe" der Figuren mit den Geschicken des "zusammenbrechende[n] Reich[s]", enthält aber nichts Apokalyptisches, sondern überrascht immer wieder mit subtilen humoristischen Akzenten.

 

Mit ruhigen, sicheren Strichen seziert Erdheim die "innere Unruhe und Zerrissenheit" ihrer Figuren und trifft den innersten Nerv einer "überreizten Zeit". Ihr Buch ist nicht bloß die Geschichte einer Freundschaft, es ist ein Donaumonarchie-Roman vom Feinsten. (Galina Hristeva, Album, DER STANDARD, 1./2.2.2014)

 

http://derstandard.at/1389858884794/Wien-ist-ein-Hoellenpfuhl

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