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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich

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Gedanken zu Clemens Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" 

Beiträge zum Lesen und zum Herunterladen (im 14-Tage-Rhythmus):

Betty, Ida und die Gräfin

Text

Betty und Ida sitzen im Salon. Betty endet gerade mit ihrem Gedicht. Da meldet Helene die Gräfin.

— Gut, dass du da bist. Ich wollte schon zu dir eilen. Aber Betty wollte mir noch ihr neues Gedicht vorlesen.

— Ich weiß es schon. Adolph ist gleich zu mir gelaufen und hat mir Ehrlichs Rezension vorgelesen. Ich freu mich kannibalisch!

— Ich auch.

— Ich gratuliere, Gräfin. Der erste große Bericht über das „Gemeindekind“.

— Ich bin sehr glücklich. Ich freu mich kolossal über Ehrlichs langes Feuilleton. In meinen kühnsten Träumen habe ich nicht erwartet, daheim so gelobt zu werden.

— Nachdem ich es dann endlich in einem Zug gelesen hatte, war ich mir ganz sicher, dass es eine meisterhafte Erzählung ist. Man kann sie eigen oder sonderbar nennen, aber sie ist meisterhaft. Ich erinnere mich an die Parabeln, die du mir vor fünfzehn Jahren vorgelesen hast, wie schwach waren die. Und jetzt, diese Erzählung! Du bist geistig gewachsen, du ziehst aus Lektüre und

Erfahrungen den höchsten geistigen Gewinn.

— Oh, was für ein Lob! Von allen Seiten werde ich gelobt. Pachler hat mir in einem rührenden Brief geschrieben: „Sie haben nichts Besseres geschrieben“. Jetzt aber genug des Lobes. Haben Sie gehört, was Schönerer über Sie gesagt hat wegen Ihres schönen Nachrufs auf Kompert?

— Natürlich. Ich sei eine Judenfreundin.

— Das bist du ja auch.

— Ja, das bin ich. Und trotzdem bin ich froh, dass Bettelheim erlaubt hat, seine Kinder taufen zu lassen. Es ist eine Winkelnation und eine Winkelreligion und ich bin froh, dass sie jetzt der Allgemeinheit angehören.

— Schönerer hat sie furchtbar hergenommen.

— Es ist ein elendes Pack.

— Die echten Brunnenvergifter.

— Ja, sie sind die Brunnenvergifter. Da hast du recht, Marie. Ernst macht sich Sorgen. Aber es ist ja nur eine kleine Schar.

— Ernst macht sich zu Recht Sorgen. Im Höllthal hab ich im Vorbeifahren auf den Felsen in großen roten Buchstaben geschrieben gesehen: „Saujuden hinaus“ und „Hundejuden“ und „Hier ruht ein toter Jud“. Noch so einiges. Ich hab mir nicht alles gemerkt.

— Es ist ein elendes Pack. Es gibt eben doch keinen moralischen Fortschritt, Gräfin. Wie finden Sie denn mein Portrait? Sie waren doch mit Ida in Fräulein Müllers Atelier.

— Es ist vortrefflich gelungen, Fräulein. Stirn, Augen, Nase ganz vortrefflich. Die geistige Ähnlichkeit ist gut getroffen.

— Ich kann mich ja im Profil nicht sehen. Mich macht das Bild traurig. Nicht weil ich so albern bin und mich nicht als alte Frau sehen will, die ich ja bin. In diesem trauervollen Gesicht sind die Spuren eines an Schmerz und Kampf reichen Lebens zu erkennen. Wie Fräulein Müller mit ihren jungen Augen das so richtig auffassen konnte! Sie hat aber ein großes Talent. Ich möchte ja

wissen, was jemand, der mich nicht kennt und nichts von mir weiß, von der Person denken würde.

— Dass es sich um eine bedeutende Persönlichkeit handeln muss.

— Spotten Sie nur, Gräfin! Ich hab es Rosa geschickt. Wie sie sich gefreut hat! Sie meint, der Mund hat keine Ähnlichkeit. Meine Rosa war ein prächtiges Geschöpf. Nur schwer hab ich sie verschmerzt. Die Marie ist auch beflissen und versteht den Dienst, aber so wie die Rosa ist keine.

— Ach Fräulein, ich muss Ihnen noch erzählen, dass einige Ihrer Gedichte in die Lesebücher unserer Schulen aufgenommen worden sind.

— Das freut mich aber sehr!

— Meine Neffen und Nichten studieren eifrig Ihre Gedichte.

— Was für eine Freude!

— Aber jetzt wollen wir endlich ein Taröckchen spielen.

— Natürlich! Spielen! Spielen! Wir sind nicht da, um uns zu unterhalten.