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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich

Lesungen:

6. November 2019, 19 Uhr:

Lesung im Republikanischen Club, Rockhgasse 1, A-1010 Wien

20. November 2019: 

Universität Warschau, Institut für Germanistik, Professor Tkaczyk

22. November, 2019, 17.00-19.00 Uhr:

ul. M. Asłanowicza 2, Raum 107, 08-110 Siedlce

mit Verleger (Instytut Kultury Regionalnej i Badan Literackich imienia Franciszka Karpinskiego mit Herrn Prof. Andrzej Borkowsky)

26. November 2019:

Rzerzow

28. November 2019: 

Krakau

Siehe: Termine

Texte:

Bist du wahnsinnig geworden?

Textprobe

Meine Fingernägel schneidet sie zu kurz; ins Kino nimmt sie mich mit; ins K i n o ! ein Ort absoluter Primitivität! Zu fremden Leuten im Gemeindebau geht sie mit mir; zu fremden Leuten! Und noch dazu zu solchen, die im Gemeindebau wohnen; die sind ja dumm und primitiv; verwahrlostes Gesindel; Kriminelle wohnen dort. Und dann der Dialekt! Zänttputzen sag ich statt zähneputzen. Jetzt reicht es aber; alles, was recht ist; das geht wirklich nicht mehr. Das letzte Kindermädel wird entlassen. Ich bin gerade fünf. Es passiert im Speiszimmer, das Zimmer, das immer schon das Speiszimmer war, seit den Zeiten der Großeltern. Meine Mutter tobt, das Mädchen weint und ich mach in die Hose. Im Gemeidebau und im Kino war es doch schön! Was für ein Prachtexemplar war doch das vorige Kindermädel; die war nicht kriminell; die hat Matura gehabt und sogar ein abgebrochenes Medizinstudium.

Endlich kann meiner Mutter niemand mehr dreinreden. Sei still; gib eine Ruh; mach mich nicht nervös, schimpft sie die ganze Zeit vor sich hin. Ich muß mich jetzt fertig machen. Setz dich inzwischen am Diwan und gibt eine Ruh. Wo sind die hundert Schilling? Wo ist der Erlagschein? Wo hat dieser Trampel die Schuhe hingetan? Ständig rennt sie von einem Zimmer ins andere. Irgendwer muß doch dran schuld sein, daß sie ihr Halstuch nicht finden kann. Wir gehen gleich; zieh dir inzwischen schon den Mantel an. Gleich gehen wir nie, aber den Mantel zieh ich an. Endlich ist es so weit. Das Kind darf sie nicht verlieren; die Kleine ist so ein lebhafter Bengel. Ganz fest nimmt sie mich an der Hand; den Kleine Finger legt sie vorsichtshalber noch um mein Handgelenk, damit ich ihr nicht auskomm. Irgend etwas Unverständliches murmelt sie die ganze Zeit vor sich hin; und bös schaut sie drein.