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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
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Ein böses Spiel. Erzählung

Rezensionen

Verletzte Schwestern und Parentifizierung

 

Claudia Erdheims Erzählung „Ein böses Spiel“ entwirft das unerbittliche Psychogramm einer Familie

 

Von Kai Sammet

 

 

Sophie und Kathi sind Schwestern. Sophie lebt in Wien, Kathi nicht. Verbunden sind sie außer durch Verletzungen durch Hassliebe und Neid (Betonung liegt auf: Verletzungen, der Rest folgt) sowie ein gemeinsames Haus, das Kathi jetzt verkaufen möchte. Sie will deshalb mit ihrer Tochter Jessica nach Wien kommen. Monolog Sophie (die sich um das Haus kümmert) nach einem Telefonat mit Kathi: „Das soll die Altersversorgung für sie beide sein. So war das ausgemacht. Sie braucht Geld. Befehlshaberischer Ton. Sie lebt seit mehr als zehn Jahren in Amerika und hat keinen anständigen Job.“ Das Medizinstudium hat Kathi abgeschlossen, „aber nicht den Facharzt. Das ging nicht mit dem Kind, sagt sie. Jetzt übersetzt sie Beipacktexte für pharmazeutische Firmen.“

 

Da ist schon der ganze Ton gesetzt, (fast) die ganze Gefühlswelt dargestellt: Kathi verletzt Sophie, Sophie macht sie in Gedanken nieder – bloß Beipackzettelfabrikantin, keine Oberärztin. Was so in der Gegenwart spielt und gespielt wird, wird durch Rückblenden aus der Kindheit der beiden verständlich. Kathi stets: „Die Baba [das ist die Mutter der beiden] hat dich lieber gehabt.“ Ja, das könnte das Problem gewesen sein, falls Baba überhaupt lieben konnte. Nun, erklären lässt sich fast alles, heilen aber nicht. Was ist die Baba für eine Frau? Psychoanalytikerin, sie hat, wenn ich es recht verstehe, ihren Mann in die Wüste geschickt, es bleibt etwas unklar, vielleicht ging er fremd, vielleicht wollte sie einfach alleinigen Zugriff auf ihre Töchter haben. Und jetzt bleibt nichts weiter: beide Schwestern rivalisieren um die (Liebe der) Mutter – aber da ist wirklich nichts zu holen.

 

Die Baba ist Egoistin, von selber kommt sie nicht drauf, was ihre Töchter brauchen. Und wenn sie es dann doch merkt, dann wird die eine gegen die andere ausgespielt, es wird gespalten, es wird entwertet. Der Vater habe die Kathi noch gefüttert, soll wohl heißen: verwöhnt, doch für die Sophie „hat er sich gar nicht mehr interessiert“. Baba lässt sich scheiden, egal, dass sie Kathi den Vater wegnimmt: „Sie weiß, was sie tut. Sie tut, was sie für richtig hält. Und was sie für richtig hält, ist richtig. “Lieben, so eine Formulierung Freuds, lerne der Bub (Mädchen hatte er ja nicht so im Blick, aber für die gilt das wohl auch) von der Mutter. Aber Böses auch. Frauen sind nicht die besseren Menschen. Andere entwerten, das zum Beispiel lernt Kathi gut von ihrer Mutter (und Sophie, wir sahen es, kann das auch). Sophie hatte eine Freundin, die Bertha, Kathi macht die fertig: „Die Kathi verhöhnt sie immer so.“ Und die Baba haut in dieselbe Kerbe. Bertha neigt zu Kopfweh: „Nichts hilft. Kopfweh sind psychisch, sagt die Baba. Kopfweh sind hysterisch. Und lacht. Und lacht.“ Kopfweh, das sei nichts: „Sophie und Kathi haben nie Kopfweh.“ Sicher, die Töchter sehen, dass die Mutter – O-Ton – ein Monster ist: „Sie konnte zynisch und gemein sein. In der Familienrunde“ sagte einmal Kathis Mann: „Jedem sind seine Kühe heilig. Darauf die Baba: Da sitzt sie, die heilige Kuh! Und lacht sich schief. Eine glänzende Replik. Die Kathi zuckt die Achseln. Sie hat tatsächlich einen Kuhblick.“ So also hält sie ihre Töchter in Furcht und Schrecken und Abhängigkeit.

 

Doch eigentlich ist sie die Bedürftige, die Abhängige: Kathi lernt einen Mann kennen, mit dem sie nach Amerika geht. Baba: „Wenn du nach Amerika gehst, bist du für mich gestorben.“ In Amerika bekommt Kathi ein Kind, Jessie. Bewertung Babas: Kind muss sein, denn „Kind gleich Penis.“ Sie hält auf der einen Seite Männer für schlauer, andererseits hat sie nichts als Verachtung für sie übrig: „Vater ist nicht so wichtig.“ Sie verbietet den Töchtern, zu ihrem Vater zu gehen: „Wenn ihr zum Vater geht, braucht ihr nicht mehr wiederzukommen.“ Als sie schließlich stirbt, müssen Sophie und Kathi bei ihr sein – und wieder spaltet sie, zwingt, erpresst: „Die Kinder müssen bei ihr sein.“ Sie hat „Angst, Angst, Angst! Nicht vorm Sterben. Vor den Infusionen, vor den Bestrahlungen. Irgendjemand muss ständig bei ihr sein. Wenn man sich um Jessie kümmert, sagt sie: Das Kind bin ich.“ Baba, ein klassischer Fall von Parentifizierung: Kinder werden für die Gefühlsdefizite der Eltern missbraucht, sie sollen die Bedürftigkeiten ihrer Eltern ausfüllen, sie sollen deren liebende Eltern sein.

 

Jessica freundet sich etwas mit ihrer Tante an, sie ist leicht verwahrlost, trinkt und das nicht zu wenig, sie ist intelligent, ihr Vater ist auch weg, zahlt keine Alimente, sie will endlich eine Studienaufnahmeprüfung machen, Sophie hilft ihr dabei, hilft ihr auch, wenn es mit dem Alkohol gar zu arg wird. Langsam berappelt sich Jessica, sie will, wie ihre Großmutter, Analytikerin werden, jedenfalls macht sie eine Analyse bei einem Lacanianer – das führt zum einen dazu, dass sie nicht mehr trinkt, aber zum anderen, dass sie sich wieder ihrer Mutter, Kathi annähert (die sie, wie es sich hier „gehört“, bis dato auch entwertete), und damit wieder Sophie ablehnt – hier wiederholen sich elende Muster.

 

Am Ende trennen sich die Wege und zum Schluss bleibt Sophie als erneut Verletzte zurück. Schon hatte sie Jessica zu ihrer Verwalterin im Alter bestimmt – wiederum: Geld, wiederum Verrechnung von Gefühlen mit Barem. Sophie versucht mit Jessica, die sich immer seltener meldet, in Kontakt zu bleiben. Sophies Mails gleiten immer mehr ins Vorwurfsvolle, auch sie kann nicht anders, sie reagiert mit Entwertungen. Sophie: ihr, Jessie, liege nichts an ihr, denn dann hätte sie ja mit ihr reden können – und dann entwirft sie für kurze Zeit ein Gegenbild, das diesen Familienmitgliedern aber nicht möglich ist. Es gebe sogar „Leute, die jemanden gernhaben“, Leute, die Dankbarkeit zeigen könnten, doch beides „scheint Dir fremd zu sein. Es hat zu geschehen, was du willst. Basta. Alles andere ist dir wurscht“. Hier kann niemand aus ihrer Haut, niemand die Muster Babas hinter sich lassen.

 

Das alles ist dabei so dicht, nah an den Personen erzählt und nebenbei präzis, dass man erst langsam merkt: da werden seit Jahrzehnten böse Spiele gespielt. Bis ans Ende aller Tage wohl – denn dies Thema scheint Erdheim nicht loszulassen. Auf ihrer Homepage heißt es unter der Rubrik „Neues Projekt“: „Familienbande“: Es gehe „um Neid, Rivalität, Zwist, Hass, Gemeinheiten, Hetze, Bösartigkeiten und Verletzungen innerhalb einer Familie. Um alles Schlechte und wenig Gute, was eine Familie zu bieten hat.“ Dem ist nach dieser eindrucksvoll-bedrückenden Erzählung nichts hinzuzufügen.

 

https://literaturkritik.de/erdheim-ein-boeses-spiel-verletzte-schwestern-und-parentifizierung,27185.html

Anmerkung von Claudia Erdheim:

Was der Rezensent in „Neues Projekt“ gelesen hat, war natürlich das Projekt des eben erschienenen Buches. Ich hatte verabsäumt, den Inhalt zu löschen. Inzwischen gibt es tatsächlich ein Neues Projekt.

Zwei Schwestern, ein abgrundtiefer Graben. Dazwischen Jessie, die Tochter der Älteren. In diesem Beziehungsdreieck flammt ein alter Geschwisterstreit wieder auf. Jessie, die über das Verbot ihrer Mutter hinweg Kontakt zu ihrer Tante Sophie aufnimmt und ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihr entwickelt, gerät immer tiefer in den Sog der familiären Verstrickungen. Selbst Jessies eigene Psychotherapie und ihre Ausbildung zur Analytikerin führen nicht zur Versöhnung der Schwestern, sondern schließlich zum Bruch Jessies mit ihrer Tante.

In die Erzählung, die primär in der Gegenwart spielt, sind laufend Episoden aus der Vergangenheit eingeschoben, die die enge Beziehung der Schwestern in ihrer Jugend beleuchten: die Ältere beschützend, aber maßlos neidisch, die Jüngere zur Älteren aufschauend. Die Mädchen sind geprägt von einer dominanten, alleinerziehenden Mutter, Psychoanalytikerin im Wien der Nachkriegszeit. Deren Verzweiflung, als sie der Mann bald nach der Geburt des zweiten Kindes verlässt, wird durch Zitate aus ihrem Tagebuch veranschaulicht. Eifersucht, Rivalität, Neid, Enttäuschung, Wut und Hass dominieren die Geschichte. Schon der Titel der Erzählung impliziert, dass sie nicht gut ausgehen kann, und das zutiefst destruktive, marionettenhafte Mutter-Tochter-Gespann im Zentrum erzeugt Gefühle der Wut und Ohnmacht, die unausweichlich von der Erzählerin auf die Leserin überspringen und Claudia Erdheims Text trotz der Komik mancher Situation zu einer fordernden Lektüre machen.

Einige Details aus der Kindheit der Erzählerin werden Claudia Erdheims LeserInnen bereits kennen, etwa aus ihrem autobiografischen Roman "Bist du wahnsinnig geworden?", der erstmals 1984 erschienen ist und 2018 vom Wiener Czernin Verlag neu aufgelegt wurde. Claudia Erdheims Mutter, die Psychoanalytikerin und Kommunistin Tea Genner-Erdheim, verheiratet mit dem kommunistischen Politiker und Widerstandskämpfer Laurenz Genner, heißt in der neuen Erzählung "Baba", bleibt jedoch ebenso erkennbar wie in früheren Texten, in denen die Autorin wiederholt das problematische Verhältnis zu ihrer Mutter thematisiert hat. Diese ist zur Zeit der Handlung längst tot, jedoch äußerst lebendig in den Köpfen ihrer Töchter, deren Eifersucht offenbar niemals stirbt:

 

"- Die Baba hat dich lieber gehabt als mich.

Oh Gott, jetzt fängt das schon wieder an. Immer wenn Sophie die Kathi sieht, fängt sie davon an. (…)

- Die Baba hat dich lieber gehabt.

Sophie hat das satt. Die Kathi ist 40 und die Baba schon einige Jahre tot. Und außerdem stimmt das alles nicht so, wie es in ihrem kranken Kopf herumschwirrt. Wie Sophie klein war, war Kathi immer die Große, die Gescheite, die Vernünftige und Sophie die dumme Kleine. Sopherl vom Naschmarkt, höhnt die Kathi. Sophie macht ein Gesicht. Sopherl vom Naschmarkt! Gleich weint die Sopherl. Beleidigte Leberwurscht. Pass auf die Sopherl auf! Die Große. Auf die Kathi kann sich die Baba verlassen."

(S. 6-7)

 

Die "erlebte Rede" sei ihre Sprache, sagt Claudia Erdheim in einem Gespräch mit Grischka Voss für die Salzburger Nachrichten (07.04.2018). Diese Erzählhaltung und die damit verbundene Position direkt im Kopf der Figuren perfektioniert sie in ihrer neuen Erzählung bis zur Schmerzgrenze. Ab dem ersten Satz ist man mittendrin in einem scheinbar umgangssprachlichen Klatsch- und Tratsch-Duktus, in dem die Erzählerin Sophie schonungslos das traurige Psychogramm einer äußerlich erfolgreichen, gebildeten und polyglotten Familie entfaltet. Sophie, die deutliche Züge der Autorin Claudia Erdheim trägt, balanciert dabei nicht nur zwischen Realität und Fiktion, sondern auch auf einem sehr schmalen Grat zwischen literarischer Stilisierung und (Selbst-)Entblößung. In diesem künstlerischen Freiraum zwischen Geschichte und "Gschichterln" steht auch das ehemalige Bassena-Haus der Familie, das Kathi nach dem Tod der Mutter verkaufen will und an dem sich der Streit der Schwestern immer wieder entzündet. Im Buch lässt Sophie das Haus renovieren und bewahrt es für die Familie, im realen Leben bewohnt die Autorin Claudia Erdheim dieses Haus bis heute.

 

2019 wurde Claudia Erdheim, die sich als Autorin keineswegs nur um ihre eigene Familiengeschichte verdient gemacht hat, mit dem Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und Exil ausgezeichnet. Mit ihrer detailgenau recherchierten Chronik "Längst nicht mehr koscher" legte sie 2006 einen wichtigen Beitrag zur Literatur über das jüdische Galizien vor, der nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Polen und der Ukraine rezipiert wurde. Der Theodor Kramer Preis würdigt jenen Aspekt ihres Werkes, der vergessene jüdisch-österreichische Geschichte(n) wieder in den Blickpunkt rückt, so z.B. auch in der Erzählung "In der Judenstadt" (2015), in der die Autorin nicht nur die versunkene Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde im 17. Jahrhundert hervorholt, sondern über den Lebensentwurf Lena Gerstls die Stimme einer starken jüdischen Frau hörbar macht.

 

Sabine Schuster

05.05.2020