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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich

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Siehe: Retrospektive

Texte:

Ein böses Spiel. Erzählung

Rezension

Zwei Schwestern, ein abgrundtiefer Graben. Dazwischen Jessie, die Tochter der Älteren. In diesem Beziehungsdreieck flammt ein alter Geschwisterstreit wieder auf. Jessie, die über das Verbot ihrer Mutter hinweg Kontakt zu ihrer Tante Sophie aufnimmt und ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihr entwickelt, gerät immer tiefer in den Sog der familiären Verstrickungen. Selbst Jessies eigene Psychotherapie und ihre Ausbildung zur Analytikerin führen nicht zur Versöhnung der Schwestern, sondern schließlich zum Bruch Jessies mit ihrer Tante.

In die Erzählung, die primär in der Gegenwart spielt, sind laufend Episoden aus der Vergangenheit eingeschoben, die die enge Beziehung der Schwestern in ihrer Jugend beleuchten: die Ältere beschützend, aber maßlos neidisch, die Jüngere zur Älteren aufschauend. Die Mädchen sind geprägt von einer dominanten, alleinerziehenden Mutter, Psychoanalytikerin im Wien der Nachkriegszeit. Deren Verzweiflung, als sie der Mann bald nach der Geburt des zweiten Kindes verlässt, wird durch Zitate aus ihrem Tagebuch veranschaulicht. Eifersucht, Rivalität, Neid, Enttäuschung, Wut und Hass dominieren die Geschichte. Schon der Titel der Erzählung impliziert, dass sie nicht gut ausgehen kann, und das zutiefst destruktive, marionettenhafte Mutter-Tochter-Gespann im Zentrum erzeugt Gefühle der Wut und Ohnmacht, die unausweichlich von der Erzählerin auf die Leserin überspringen und Claudia Erdheims Text trotz der Komik mancher Situation zu einer fordernden Lektüre machen.

Einige Details aus der Kindheit der Erzählerin werden Claudia Erdheims LeserInnen bereits kennen, etwa aus ihrem autobiografischen Roman "Bist du wahnsinnig geworden?", der erstmals 1984 erschienen ist und 2018 vom Wiener Czernin Verlag neu aufgelegt wurde. Claudia Erdheims Mutter, die Psychoanalytikerin und Kommunistin Tea Genner-Erdheim, verheiratet mit dem kommunistischen Politiker und Widerstandskämpfer Laurenz Genner, heißt in der neuen Erzählung "Baba", bleibt jedoch ebenso erkennbar wie in früheren Texten, in denen die Autorin wiederholt das problematische Verhältnis zu ihrer Mutter thematisiert hat. Diese ist zur Zeit der Handlung längst tot, jedoch äußerst lebendig in den Köpfen ihrer Töchter, deren Eifersucht offenbar niemals stirbt:

 

"- Die Baba hat dich lieber gehabt als mich.

Oh Gott, jetzt fängt das schon wieder an. Immer wenn Sophie die Kathi sieht, fängt sie davon an. (…)

- Die Baba hat dich lieber gehabt.

Sophie hat das satt. Die Kathi ist 40 und die Baba schon einige Jahre tot. Und außerdem stimmt das alles nicht so, wie es in ihrem kranken Kopf herumschwirrt. Wie Sophie klein war, war Kathi immer die Große, die Gescheite, die Vernünftige und Sophie die dumme Kleine. Sopherl vom Naschmarkt, höhnt die Kathi. Sophie macht ein Gesicht. Sopherl vom Naschmarkt! Gleich weint die Sopherl. Beleidigte Leberwurscht. Pass auf die Sopherl auf! Die Große. Auf die Kathi kann sich die Baba verlassen."

(S. 6-7)

 

Die "erlebte Rede" sei ihre Sprache, sagt Claudia Erdheim in einem Gespräch mit Grischka Voss für die Salzburger Nachrichten (07.04.2018). Diese Erzählhaltung und die damit verbundene Position direkt im Kopf der Figuren perfektioniert sie in ihrer neuen Erzählung bis zur Schmerzgrenze. Ab dem ersten Satz ist man mittendrin in einem scheinbar umgangssprachlichen Klatsch- und Tratsch-Duktus, in dem die Erzählerin Sophie schonungslos das traurige Psychogramm einer äußerlich erfolgreichen, gebildeten und polyglotten Familie entfaltet. Sophie, die deutliche Züge der Autorin Claudia Erdheim trägt, balanciert dabei nicht nur zwischen Realität und Fiktion, sondern auch auf einem sehr schmalen Grat zwischen literarischer Stilisierung und (Selbst-)Entblößung. In diesem künstlerischen Freiraum zwischen Geschichte und "Gschichterln" steht auch das ehemalige Bassena-Haus der Familie, das Kathi nach dem Tod der Mutter verkaufen will und an dem sich der Streit der Schwestern immer wieder entzündet. Im Buch lässt Sophie das Haus renovieren und bewahrt es für die Familie, im realen Leben bewohnt die Autorin Claudia Erdheim dieses Haus bis heute.

 

2019 wurde Claudia Erdheim, die sich als Autorin keineswegs nur um ihre eigene Familiengeschichte verdient gemacht hat, mit dem Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und Exil ausgezeichnet. Mit ihrer detailgenau recherchierten Chronik "Längst nicht mehr koscher" legte sie 2006 einen wichtigen Beitrag zur Literatur über das jüdische Galizien vor, der nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Polen und der Ukraine rezipiert wurde. Der Theodor Kramer Preis würdigt jenen Aspekt ihres Werkes, der vergessene jüdisch-österreichische Geschichte(n) wieder in den Blickpunkt rückt, so z.B. auch in der Erzählung "In der Judenstadt" (2015), in der die Autorin nicht nur die versunkene Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde im 17. Jahrhundert hervorholt, sondern über den Lebensentwurf Lena Gerstls die Stimme einer starken jüdischen Frau hörbar macht.

 

Sabine Schuster

05.05.2020