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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
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Gedanken zu Clemens Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" 

Beiträge zum Lesen und zum Herunterladen (im 14-Tage-Rhythmus):

In der Judenstadt

Text

Salomon Mayr stürzt in die Kammer. In einer abgelegenen Pfütze, in der man die Pferde tränkt, ist eine Leiche gefunden worden. Es ist eine Christin. Sie ist mit einem 50 Pfund schweren Stein in einem Sack versenkt worden. Der Körper ist voller Stiche. Kopf, Arme und Unterschenkel sind wie von einem Messer eines Anatomen kunstgerecht abgelöst.  Niemand weiß, wer die Leiche ist. Sie dürfte ermordet worden sein. Man hat sie in die Judenstadt gebracht, um den Juden die Schuld zu geben. Der Magistrat hat den Kopf der Ermordeten in einem Glaskästchen zur öffentlichen Besichtigung ausgestellt. Da hat auch gleich ein Weib behauptet, sie erkannt zu haben und hat berichtet, sie hat sie vor drei Wochen in die Judenstadt gehen gesehen, aus der sie nicht mehr zurückgekehrt ist. Oben auf der linken Seite hat sie einen Zahn zu wenig. Sie ist die Schuhmachersfrau Anna Audorfer. Ihr Mann, der Schuhmacher Thomas Audorfer, wohnt im Haus „Zu den zwei goldenen Kronen“ am Neubau. Alle sind in großer Sorge. Die ganze Judenstadt weiß es schon. Im Wirtshaus wird von nichts anderem gesprochen.

— Ich geh wieder ins Wirtshaus. Dort werde ich mehr erfahren. Ich komm wieder und erzähle euch, was ich gehört habe.

— Ich geh heute noch in die Mikwe. Vielleicht erfahre ich da etwas.

 

Das Wirtshaus ist ganz voll und alle reden aufgeregt durcheinander.

— Sie werden einen von uns an den Galgen bringen.

— Wer weiß, wer sie ermordet hat.

— Das müssen wir aufklären.

— Lippmann Heller muss mit dem Grafen Collalto sprechen.

— Wenn das etwas nützt.

— Er kann mit dem Kämmerer sprechen.

— Es muss eine Untersuchung geben.

— Wir müssen uns wehren.

— Wer hat die Leiche gebracht?

— Wann?

— Wie ist sie zu Veits Haus gekommen?

— Das können wir nicht aufklären.

— Sie werden einen von uns hängen.

— Das dürfen sie nicht.

— Es wird eine Untersuchung geben.

— Wer war die Frau?

— Man hat ihr die Kehle durchgeschnitten.

— Wer?

— Sie ist erstochen worden.

— Habt Ihr die Leiche gesehen?

— Nein.

— Wir hätten sie begraben sollen.

— Und wenn man sie sucht.

— Dann wissen wir nicht, wo sie ist.

— Wir kennen sie ja gar nicht.

— Ja, wir hätten sie begraben sollen.

— Dann hängen sie uns alle auf.

— Sie hätten sie nicht gefunden.

Ein Mann kommt in die Stube.

— Man hat unsere Vorsteher verhaftet und beschuldigt, das Weib ermordet zu haben.

— Man muss sie wieder frei lassen. Sie sind unschuldig.

Der Volkszorn ist groß. Sie stürmen mit Mistgabeln in die Judenstadt und schreien: die Juden haben eine Christin ermordet. Tod den Juden. Ein Weib kann es bezeugen. Sie haben eine Christin ermordet und zerstückelt. Die Juden sind in höchster Gefahr. 300 Musketiere müssen aufgeboten werden, um die Judenstadt zu schützen.