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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
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Karlis Ferien

Rezensionen

Normaler Wahnsinn.

Die bösen Erzählungen der Wienerin Claudia Erdheim

Thomas Kraft, Landshuter Zeitung, 31.8.1994

 

Klatsch und Tratsch, Intrigen und Eitelkeiten, strapazierte Nerven und schrille Ausbrüche - mit bissigem Wiener Schmäh inszeniert Claudia Erdheim in ihrem Erzählband "Karlis Ferien" scheinbar harmlose Situationen, die nur durch einen kleinen Klick aus den Fugen geraten und eine derart irrwitzige Eigendynamik entwickeln, daß die beteiligten Personen nunmehr in paranoide Verstörung verfallen oder ihre Aggressivität offen ausleben. Als Tochter der Psychoanalytikerin Tea Genner-Erdheim für den ganzen "Psychoscheiß" schon sensibilisert, hat Erdheim die kleinen Gemetzel und Grausamkeiten des normalen Wahnsinns sehr genau beobachtet und mit giftsprühendem Charme in fast archaische Szenen übersetzt, die jeder kennt und die doch so unwirklich erscheinen. Die Titelgeschichte, wie "Suffisticated" schon ein älterer Text, erzählt von einem ängstlichen Hochschulassistenten, der die einstmalige Aufforderung seiner Oma - "Tu fest essen, Karli" - zur Lebensmaxime erhoben hat und seine freie Zeit nun im Examinieren von Gourmettempeln vergeudet. Seine kurze Reise durch französische Restaurants gleicht einer Wallfahrt, der ersehnte Genuß degeneriert durch selbstauferlegten Zwang zur Anstrengung, die Neigung zur Perversion. Im Psychogramm "Die Feichtigner" beschreibt Erdheim aus Sicht einer Hausbesitzerin die Streitigkeiten in einem Mietshaus, das von einer offenkundig neurotischen Bewohnerin terrorísiert wird. Krankhafte Neugier und lautstarke Beschwerden, Verleumdungen und Selbstjustiz prägen den unaufhaltsam eskalierenden Konflikt, der gewaltsam endet und die Frage im Raum stehen läßt, wer nun wirklich den Blick für die Realität verloren hat.

Die Erzählung "Der Erdheimstammtisch" karikiert, wohl dem eignen Erleben der Autorin nachempfunden, ein turbulentes Familientreffen zu Weihnachten, das vor einem hohen Erwartungshorizont durch Eifersüchte und Sticheleien in ein chaotisches Mißverständins abdriftet. Und während in "Suffisticated" eine Wissenschaftlerin zu einem befeundeten Kollegen reist, um endliche die Übersetzung eines sprachphilosophischen Textes fertigzustellen und durch dessen Faulheit und Unbekümmertheit nahe an den Rand des nervlichen Ruins getrieben wird, öffnet die Erzählung "Die Welt besteht im Hinhauen" den Blick hinter die Kulissen des universitären Betriebs mit seinen Protektionen, Seilschaften und Klüngeleien.

Der Reiz dieser Erzählungen liegt in ihrer sprachlichen Suggestivität. Der Erzählton ist lakonisch, der Humor schelmisch-böse, die Figuren typisiert und die Handlung ausdrucksstark. Aber schließlich spekuliert die Autorin ja in ihrem "Gewerbe" auf Leser, nach dem Motto: "Wer eine Bude am Markt hat, muß schreien". Und wer etwas zu erzählen hat wie Claudia Erdheim, dem hört man auch gerne zu.

 

 

Erich Schirhuber

Neue Wiener Bücherbriefe Heft 4/94

 

Wendelin Schmidt-Dengler schrieb über ein früheres Buch der Erdheim über ein früheres Buch der Erdheim: "Es scheint harmlos, witzig, satirisch." Ein Wiener Germanistikprofessor, das Vorbild zu erraten ist nicht eben schwer, wird nun von ihr charakterisiert: "Der Müller-Wolf, das brave Bubi, der schon in der Schule Ordner war und der noch immer einen Seitenscheitel hat und der schon seit seiner Jugend wie ein griesgrämiger Greis ausschaut." Ist es dem Gescholtenen ein Trost, daß an anderer Stelle andere Gestalten - die übrigen Wiener Germanisten, ein verfressener Philosoph, die Mieter des Erdheimschen Hauses, ihre Familie auch - literarisch hergewatscht werden, wie man es selten erlebt? Wer getraut sich noch, einfach so, von "Narren, die schon ganze Familien ausgerottet haben" zu reden, von "Tschuschen" - beides im, wie dem Rezensenten scheint, gelungensten Text der kleinen Sammlung. "Die Feichtinger" genannt, ein tatsächlich mehr als bedrückendes Bild einer Hausgemeinschaft mit Betonung auf "gemein". Hier wird auch der Tonfall in einer Weise plastisch, daß sich ins Schmunzeln und Lachen das Gruseln mischen muß. Dort wo viele Autoren meinen, diffuse Begriffe wie "Takt" oder "Geschmack" würden ihnen Grenzen setzen, wird die studierte Logikerin erst richtig warm. "Aufs Liebsein wird gschissen" heißt es an einer Stelle, ein bißchen versteckt zwischen allerlei Tiraden gegen "Müller-Wolf". Ein herber Sager, der nicht übersehen werden sollte: eine Autorin stellt sich in die Texte selbst als "Erdheim" hinein, als Hausbesitzerin, der ihre Mieter unsäglich auf den Nerv gehen, als "anzwiederte" Mitarbeiterin bei einem Projekt, als irgendwie belästigte Protokollantin einer Familienweihnacht. Wer allerdings meint, er sei ein guter Mensch und denke derlei nie, der werfe den ersten Stein ...