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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
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Gedanken zu Clemens Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" 

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Längst nicht mehr koscher

Textprobe

Chane, die Dienstmagd, bringt das Frühstück. Brot, kaltes Huhn und Zichorienkaffee. Der Fußboden der Stube ist glattlackiert und die Wände sind frisch gestrichen. In der Mitte steht ein Tisch, drum herum Sessel mit geflochtenen Sitzen. Ein Lehnstuhl und ein Schreibtisch befinden sich noch in dem Zimmer. Und eine Kredenz, in der das Passahgeschirr aufgehoben wird, ein Chanukkaleuchter, eine Menora, silberne Kerzenhalter, das Buch Esther in einer Kassette und ein Sabbatbrotmesser mit einem Perlmuttergriff, auf dem die Worte „Heiliger Sabbat“ eingraviert sind. In den Fächern sind Gewürz- und Kräuterbehälter, Karaffen, Tabletts und Vasen. An der Wand neben der Tür hängt in einem Goldrahmen ein großes Bild. Es stellt eine tropische Landschaft dar. Ein bläulicher Himmel über Bambuswäldern und im Vordergrund einige Gazellen. An der Ostwand hängt ein Bild von Moses Montefiore.

 — Du warst heute nicht in der Synagoge, sagt Esther.

 — Ja.

 — Und gestern und vorgestern warst du auch nicht.

 — Ja.

 — Gitel hat es Chane gesagt. Laß sie reden.

 — Naphtali hat es Schejne erzählt. Milka spricht nicht mit mir.

 — Was macht das?

 — Chane hat mir gesagt, daß man sich erzählt, daß du am Sabbat Zigarren rauchst.

 — Das ist eine Lüge.

 — Alle reden. Joel, Hinda, Mendel. Niemand spricht mehr mit uns. Sie sagen, wir kommen in die Gehenna.

Moses Hersch lacht.

 — Närrin. Laß sie reden.

 — Aber es sind unsere Nachbarn.

 — Ich bin ein gottesfürchtiger Mann. Ich spreche das Morgengebet und das Abendgebet. Das genügt. Gottesmann, Kornhaber, Mendelson gehen auch nicht jeden Tag in die Synagoge. Ephraims Meier und Simons Feigele gehen mit Sische in eine Klasse. Und Azriel, Berman, Dow gehen auch nicht mehr in den Cheder. Wir werden bald nach Drohobycz ziehen.

 — Moses Hersch nimmt eine Prise Schnupftabak. Der Säugling schreit.

 — Esther nimmt ihn an die Brust.

 — Osias muss in den Cheder kommen.

 — Er muss nicht in den Cheder gehen.

 — Er muss in den Cheder gehen.

 — Er soll in die Volksschule gehen.

 — Aber zuerst in den Cheder. Er muss Hebräisch lernen und den Talmud studieren.

 — Das kann er auch mit einem Privatlehrer. Im Cheder lernt er nur Hebräisch und Chumesch. Er soll Deutsch lernen. Reb Wolf ist ein schlechter Lehrer und es ist sehr schmutzig bei ihm und im Haus laufen die Hühner herum und es stinkt und die Windeln hängen überall und seine schmutzigen Kinder schreien und Rebekka steht die ganze Zeit am Herd und zetert. Das weißt du doch.

 — Er soll auch nicht zu Reb Wolf gehen. Geben wir ihn zu Reb Selig. Sische war auch bei ihm. Er ist kein Chassid, aber er ist ein Gelehrter.

 — Reb Selig ist auch nicht viel besser, und Reb Manasse ist ein chassidischer Trunkenbold.

 — Er muss bis zur Volksschule in den Cheder gehen. Er ist alt genug, um zu lernen.

 — Kümmer’ dich um die Kinder und mach’ die Bestellungen fertig. Moses Hersch steht auf, zieht seinen mit Fuchspelz gefütterten Überzieher an und geht. Er muss nach Drohobycz fahren und das Brauhaus in das Katastralregister eintragen lassen. Es ist tief verschneit. Er lässt die Pferde vor den Schlitten spannen.