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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
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Gedanken zu Clemens Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" 

Beiträge zum Lesen und zum Herunterladen (im 14-Tage-Rhythmus):

Zwölf Frauen und ein Mann

Text

Am nächsten Tag nach Schowkwa. Da gibt es diese eindrucksvolle Wehrsynagoge aus dem 17 Jh.. Da hab ich auch schon von Wien angerufen wegen einer Führung, sonst kommt man nicht hinein. Die Führerin soll um ½ 11 am Hauptplatz warten. Wenn das nur klappt. Die Hedi und ich sind ein bisschen zu früh dran. Die Hedi will noch Geld wechseln. Kannst du das allein? Ja, ja. Schau, der Bus ist schon da. Ich geh inzwischen in den Bus. Ja, ja. Die Hedi müsste längst vom Geldwechseln da sein. Hoffentlich hat sie sich nicht verirrt. Aber das ist ja gleich hier. Jetzt sind es schon 10 Minuten. Das Geldwechseln dauert höchstens zwei Minuten. Langsam trudeln alle ein. In fünf Minuten sollen wir fahren. Wir können doch nicht ohne sie fahren. Sie kennt sich doch überhaupt nicht aus in der Stadt. Außerdem hat sie keinen Schlüssel von der Wohnung, geschweige denn dass sie auch nur einen blassen Schimmer hat, wo wir wohnen. Null Orientierungssinn. Der Julian geht sie suchen. Zuerst zur Wechselstube, no ja, da ist sie sicher längst nicht mehr, dann ein Stückchen nach vor, nirgendwo eine Hedi. Das kann ja lustig werden. Ich sitz auf Nadeln. 20 Minuten ist sie schon verschwunden. Da kommen die restlichen Damen vom Frühstück aus dem Vennskoe Café. Die Hedi ist verschwunden. Nein, sie kommt gleich, sie war im Vennskoe Café. Wo warst du denn? Wir haben gesagt beim Bus. Sie gelassen: Ich hab den Bus nicht gesehen, da bin ich ins Vennskoe Café gegangen. Als ob nichts wär. War zwar klug, ins Vennskoe Café zu gehen, aber dass ich mir Sorgen machen könnte, auf die Idee kommt sie nicht. Sie ist ja auch der Meinung, dass man, wenn man mit jemandem zusammen wohnt, nicht sagen muss, wenn man weggeht. Wenn jemand nicht da ist, dann wird er schon irgendwann wieder einmal kommen. Emmili geht auch immer in die falsche Richtung und verschwindet gelegentlich. Aber um die kümmert sich die Susi. Wenn sie verschwunden ist, ruft sie sie schnell an und weist sie an, wie sie uns findet.

Schowkwa ist nicht weit. Eine gute halbe Stunde Fahrt. Wo ist die Führerin? Vor der Synagoge ist niemand. Oh Gott, wenn die jetzt nicht da ist. Zwei Mal hab ich aus Wien angerufen. Sie hat hoch und heilig versprochen uns zu erwarten. Der Fahrer hat ein Handy. Am Hauptplatz, der ist woanders. Sie steht da. Gott sei dank. Sie kann nicht so gut Russisch, behauptet sie. Besser als ich wird sie sicher können. Ukrainisches Gehabe. Sie erklärt alles über die Synagoge und ich muss es übersetzen. Hie und da versteh ich was nicht. Macht nichts. Ich mach es, so gut ich kann. Ich war noch nie in der Synagoge drinnen. Schon eindrucksvoll. Sie redet lang, es gibt solche Führer. So viele Gruppen werden ja auch nicht kommen, denen sie ihr Wissen darbieten kann. Kalt ist es. Endlich hört sie auf. Sie will uns noch das Museum zeigen und anschließend die Kirche. Alle müssen aufs Häusel. Im Museum gibt es kein Klo, aber im Rathaus. Da ist es wenigstens wärmer. Alle schön der Reihe nach. Die Vilma mokiert sich natürlich übers Häusel. Ich kenn das ja schon. Es gibt schrecklicher Häuseln. Es ist gerade so, dass man es noch benützen kann. Es dauert. 13 Leute brauchen ihre Zeit. Alle sind entsetzt. Habt ihr eine Ahnung, was es in diesen Breiten alles gibt. Froh können wir über dieses Klo sein. Es muss natürlich fotografiert werden. Gott, was hab ich schon Häuseln fotografiert. Aber immerhin, spricht für die Gruppe, dass sie es fotografieren wollen. Ich bin immer angegriffen worden wegen meiner Häuselfotos.