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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich

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Siehe Newsletter von 9.5.2020: "Virtuelle Präsentation: Ein böses Spiel. Erzählung". 

Siehe: Retrospektive

Texte:

Texte

Ich bin ein Coronaopfer

Ausgangssperre. Zahnarzt anrufen. Ich hatte eine Wurzelbehandlung. Der Zahn ist nur provisorisch zu. Das macht nichts, sagt die Sprechstundenhilfe. Aber die Prothese wird nicht mehr passen. Das macht nichts, sag ich. Zwei Wochen später Zahnweh. Der nicht fertig behandelte Zahn. 

Bild-ID: ER69YA Steve Vidler / Alamy Stock Foto
England, London, The Wellcome Collection, The Reading Room, 18. Jahrhundert, Gemälde von A Schmied Extraktion eines Zahnes

 

Dienstag. Anruf beim Zahnarzt.  Anrufbeantworter: „Die Ordination ist geschlossen. In dringenden Fällen rufen Sie in der Universitätszahnklinik an. Aber es ist besser, wenn Sie wegen der hohen Ansteckungsgefahr nicht hingehen. Wir sind Montag, Dienstag, Donnerstag zwischen 10 und 11 Uhr unter der Nummer 034621098 erreichbar.“ In der Universitätszahnklinik hebt niemand ab. Ich rufe im Zahnambulatorium Hera an. Sie nehmen niemanden. Sie sagen mir zwei Zahnärzte, die ordinieren. Einer hat in zwei Tagen einen Termin, der andere in einer Woche. Ich hab starkes Zahnweh, brauche gleich einen Termin. Noch einmal Universitätszahnklinik. Lasse ewig läuten. Niemand hebt ab. Schreibe ein SMS an die von der Sprechstundenhilfe angegebene Nummer. Nach einer Weile ruft die Sprechstundenhilfe an. Nehmen Sie nur zu den angegebenen Zeiten mit uns Kontakt auf. Sie ist ungehalten. Aber in der Universitätszahnklinik hebt niemand ab. Gehen Sie in das Zahnambulatorium in der Strohgasse. Anruf in der Strohgasse. Um 16 Uhr 30. Super. Kommen Sie ganz pünktlich. Keine Minute zu früh, keine Minute zu spät. Alles leer. Tür verschlossen. Ein Mann und eine Frau erscheinen. In voller Montur. Schutzmantel, Maske, Haube. Fieber messen und Zettel ausfüllen, dass ich keinen Kontakt zu einem Corona-Kranken habe. Wenn sie glauben, dass ich das weiß, bitte. Werde eingelassen. Junger Zahnarzt, sehr nett. Mit Plastikvisier. Der Zahn ist schwer entzündet. Spritze tut rasend weh. Der Zahnarzt ist sehr vorsichtig und einfühlsam. Er macht noch einmal eine Wurzelbehandlung und macht ihn provisorisch zu. Schmerzmittel und Penicillin. Der Zahn tut rasend weh. Am nächsten Tag geht es halbwegs. Donnerstag wieder starkes Zahnweh. Anruf am Handy der Sprechstundenhilfe zur angegebenen Zeit. Es kommt nur der Anrufbeantworter. Ich spreche darauf: Ich habe wieder arges Zahnweh, bitte um Rückruf. Niemand ruft zurück. Zwei Stunden später schreibe ich ein SMS. Ich habe heute um 10 Uhr 17 und um 10 Uhr 53 angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen. (Telefonanruf zwischen 10 und 11 Uhr laut Anrufbeantworter möglich). Ich brauche unbedingt einen Termin. Der Zahn ist behandelt worden und ich habe ein Antibiotikum bekommen. Er tut aber furchtbar weh. Bitte um Rückmeldung. Keine Reaktion. Zahnweh schlimmer. Knapp vor 18 Uhr rufe ich wieder im Ambulatorium an. Morgen 13 Uhr 30. Am nächsten Tag ruft die Sprechstundenhilfe an. Sie können Dienstag kommen, gehen Sie noch einmal ins Ambulatorium. Auf die Idee bin ich auch ohne sie gekommen. Sie hätte mich gestern anrufen müssen und mit dem Zahnarzt sprechen. Der Zahnarzt hätte mich auch anrufen können und sich erkundigen, was los ist. Die tun so, als ob sie Urlaub hätten. Er sollte sich um seine Patienten kümmern. Das ist eine Notsituation. Scheint ihm ja wurscht zu sein. Und was macht die Sprechstundenhilfe den ganzen Tag? Der Zahn ist schwer entzündet. Medikament rein und offen lassen. Am nächsten Tag immer stärkeres Zahnweh. Probiere noch einmal Universitätszahnklinik. Niemand hebt ab. Ich finde eine Notfallnummer, an der die diensthabenden Zahnärzte bekannt gegeben werden. Rufe eine Nummer an. Kommen Sie gleich. Taxi. Nicht sehr freundlich an der Rezeption. Alles schwer entzündet. Der Zahn muss raus. Der Zahnarzt ist unfreundlich. Er spritzt. Ich schreie vor Schmerz, er spritzt weiter. Ich brülle vor Schmerz. Der Zahn ist so entzündet. Ich hab Ihnen schon drei Spritzen gegeben. Der Zahn ist draußen. Es ist die Hölle. Jetzt ist er ein bisschen freundlicher. Ich habe morgen auch Dienst, wenn Sie Schmerzen haben. Schmerzmittel. Ich könnte die Wände hochkrallen. Am nächsten Tag in der Früh wieder irre Schmerzen. Wieder zum Zahnarzt. Die depperte Assistentin sagt, das sind Wundschmerzen. Immer dieses dumme medizinische Personal, das glaubt, alles besser zu wissen als der Arzt. Immerhin ist er ja direkt freundlich. Er wechselt den Tampon. Nützt alles nichts. Am nächsten Tag wieder starke Schmerzen. Welcher Zahnarzt ordiniert heute. Im Internet finde ich eine Liste. Bei mir in der Nähe ist einer. Ich glaube, der ist eh bekannt. Er macht jeden Vormittag Notdienst. Kommen Sie um 13 Uhr. Ich halte es nicht mehr aus. Weinanfall. Durchhalten. Das schaut nicht gut aus. Der Zahn hätte gleich raus müssen. Das ist eine Beinhautentzündung. Wahrscheinlich ein Abszess. Er spritzt. Das war sogar erträglich. Er macht einen Schnitt. Kein Eiter, aber Sekret. Schwer entzündet. Ich soll am nächsten Tag wiederkommen. Zu Hause wieder rasende Schmerzen. Am Abend schreibe ich ein SMS an die Sprechstundenhilfe, was passiert ist. Am nächsten Tag hätte ich ja einen Termin. In der Früh ruft sie mich an. Ich sag ihr, dass es jetzt wohl besser ist bei dem letzten Zahnarzt zu bleiben. Am Donnerstag zu dem angegebenen Termin habe ich angerufen, aber es ist nur der Anrufbeantworter gekommen. Sagt sie, das ist so, wenn ich telefoniere, das sehe ich nicht am Display. Die spinnt wohl. Natürlich sieht sie das. Auf jeden Fall muss sie den Anrufbeantworter abhören. Und was ist mit dem SMS? War außerhalb der Zeit. Was für eine unverschämte Belästigung! Zu denen geh ich nicht mehr. Ich bin wütend. Was glauben die eigentlich? Das ist ja kein Urlaub-Haben! Der Zahnarzt muss erreichbar sein, zumindest sich erkundigen, was los ist. Er hätte mich ja auch anrufen können, statt alles diesem Trampel zu überlassen. Er hat eine Verantwortung und eine ethische Pflicht! Stattdessen macht er sich aus dem Staub! Gerade in dieser Zeit wäre es wichtig, die Patienten wenigsten zu beraten und zu unterstützen, wenn eh alles so schwer ist und wenn er schon nicht arbeitet. Ich schreib ihm jetzt ein E-Mail, ich muss mir Luft machen. 

 

Sehr geehrter Herr Doktor, 

 

ich habe am Dienstag, 14.4., in Ihrer Praxis angerufen. Da kam ein Anrufbeantworter, man solle in dringenden Fällen in der Universitätszahnklinik anrufen, aber wegen extremer Ansteckung lieber nicht hingehen. Dort allerdings geht niemand zum Telefon, auch nicht zu den angegebenen Notfallzeiten. Mindestens hätte man am Anrufbeantworter die Telefonnummer angeben müssen, bei der man die diensthabenden Zahnärzte erfahren kann. Nachdem ich keinen diensthabenden Arzt gefunden habe, habe ich Ihrer Sprechstundenhilfe ein SMS geschrieben. Woraufhin sie mich nach einer Weile angerufen hat und mir zwar das Zahnambulatorium Strohgasse empfohlen hat, aber mich barsch darauf hingewiesen hat, nur zu den angegebenen Zeiten anzurufen. Offenbar hat sie sich durch mein SMS belästigt gefühlt. Wenn ich anrufe, habe ich ja wohl Zahnweh und dann noch einen Arzt zu suchen, ist ja auch kein Vergnügen. Ich war dann in der Strohgasse, wo man mich offenbar nicht richtig behandelt hat. Ich habe dann am Donnerstag, weil ich starkes Zahnweh hatte, zu angegebener Zeit wieder die Handynummer Ihrer Sprechstundenhilfe angerufen. Zwei Mal, jedes Mal kam der Anrufbeantworter, auf den ich auch gesprochen habe. Um 13 Uhr 24 habe ich ein SMS geschrieben. Keine Antwort. Am nächsten Tag erst ruft sie mich an!!! Sie betreiben ja keine Blumenhandlung! Als Arzt haben Sie eine ethische Verantwortung auch für Ihre Sprechstundenhilfe. Die mir heute erklärt hat, wenn sie telefoniert, hat sie auf Anrufbeantworter gestellt und das sieht sie nicht am Display. Erstens sieht sie es schon am Display, zweitens muss sie den Anrufbeantworter abhören nach der Sprechzeit, drittens hab ich ein SMS geschrieben, das sie nicht beantwortet hat!!! Vielleicht erinnern Sie sich, dass Sie einmal einen Eid geschworen haben, der gilt auch in Zeiten von Epidemien. Als Arzt und damit sozusagen als Betreiber einer Zahnarztpraxis haben Sie auch eine Verantwortung für Ihre Angestellten! Ich hatte starkes Zahnweh und keine Blumen bestellt. Fleurop funktioniert besser.

 

Beste Grüße

 

Claudia Erdheim 

 

Keine Antwort.

 

Zur Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke

 

Die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke hat mich entsetzt. Nicht weniger oder noch viel mehr die Reaktion vieler Autorinnen und Autoren, prominenter und weniger prominenter, der hochkarätigen Runde nach der ZiB2, von Freunden und Freundinnen, an deren Intelligenz und edler Gesinnung ich keinen Zweifel hatte. Da wurde die große literarische Bedeutung Handkes hervorgehoben, die nichts mit seiner politischen Gesinnung zu tun habe, es wurde auf die

Verbrechen der kroatischen Ustascha hingewiesen und dass es sich ja nicht um den Friedensnobelpreis handle. Allenfalls wurde eingeräumt, Handke habe sich verrannt. Meine

Empörung war und ist immer noch groß. Und ich beschloss meine Meinung kurz und bündig zu formulieren und auf Facebook zu posten,. Es wurde mehrfach geteilt, es gibt nur wenige Likes, keine negative Reaktion. In einem weiteren Versuch, die Menschen zu erreichen und zu überzeugen,

schickte ich den Text an den Standard, wo er dieses Wochenende erschien und den ich hier, etwas erweitert, wiedergebe.

Der Nobelpreis hat neben seiner Funktion, ein Werk und seinen Autor/seine Autorin auszuzeichnen auch eine gesellschaftliche Funktion. Er ist auf der ganzen Welt bekannt. Auch Leute, die nie ein Buch lesen, sondern alle und nicht nur die arrogante gebildete Elite haben von ihm gehört und wissen, dass es die höchste Auszeichnung ist, die jemand bekommen kann. Weltweit. Und das ist bei der Verleihung des Preises an Handke der Punkt. Über sein Werk kann man streiten. Das literarische Urteil ist nicht objektivierbar, unterliegt unterschiedlichen Sichtweisen. Aber dass er am Grab eines Kriegsverbrechers eine Rede gehalten hat, ist eine Tatsache, die ihn der höchsten Auszeichnung nicht würdig macht. Ein Kriegsverbrecher bleibt ein Kriegverbrecher, auch wenn andere auch Verbrechen begangen haben. Im Falle des so medienwirksamen Nobelpreises (heute nicht anders als vor hundert Jahren) kann man Politik und Literatur nicht trennen. Was ist passiert? In Serbien wird gejubelt und die Opfer sind verletzt. Soll das ein Nobelpreis bewirken? Die Jubelnden und die Verletzten sind Leute, die aller Wahrscheinlichkeit nach keine einzige Zeile von Handke gelesen haben. Sind diese Leute einfach blöd und verstehen nichts von Literatur? Soll man ihnen sagen: es ist ja nicht der Friedensnobelpreis? Vielleicht kommen dann Leute und sagen: wenn jemand, der an Miloševićs Grab gesprochen hat, eine so hohe Auszeichnung bekommt, warum regt ihr euch dann auf, wenn wir Juden, Moslems und Fremde hassen und keine Flüchtlinge an Land lassen wollen? Der Nobelpreis ist eben kein beliebigere Preis, sondern würdigt den Menschen als Ganzes und rückt ihn in die mediale Aufmerksamkeit. In diesem Sinne ist ein Nobelpreisträger auch ein Vorbild, wie es z.B. Thomas Mann mit seinen Reden an die Deutschen zwischen 1940 bis 1945 war. Soll es vorbildlich für uns sein, einem Kriegsverbrecher zu huldigen?

 

Mit der Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke ist eine Toleranzgrenze überschritten in einer Zeit, in der auch in der westlichen Welt Rassismus und Nationalismus in einer unerträglichen Weise salonfähig geworden sind.

 

Erschien in etwas kürzerer Fassung am 19.10.2019 in DerStandard, Kommentare der anderen, S 46.

Erscheint in der „Zwischenwelt“, Nummer 3-4, November 2019.

Allen Handke- Fans empfehle ich:

profil 43 vom 20. Oktober 2019, Seiten 58-59

Gregor Mayer: Warum ich Handke- Versteher nicht

verstehen kann

 

Zur Analyse des literarischen Werkes von Peter Handke empfehle ich folgenden Aufsatz: https://m.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/peter-handke-als-serbischer-nationalist-ich-sehe-was-was-ihr-nicht-fasst-1597025.html

 

Zur historischen Analyse: 

Literaturnobelpreis: Peter Handke und die Jugoslawienkriege - Fragen stellen, um Fakten zu beugen | Literatur

https://www.fr.de/kultur/literatur/literaturnobelpreis-peter-handke-fragen-fakten-beugen-13113401.html

 

 Persönliches der Schauspielerin Marie Colbin aus dem Jahr 1999:

Handkes langjährige Lebensgefährtin erhebt schwere Vorwürfe gegen den Dichter | 21.05.1999

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_19990521_OTS0040/handkes-langjaehrige-lebensgefaehrtin-erhebt-schwere-vorwuerfe-gegen-den-dichter

Gedanken zu Clemens Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre"

Es handelt sich um den 2015 erschienen Roman, in dem der junge Autor eine wahnwitzige, verstörende, faszinierende, höchst kunstvolle, aber schwer zu entwirrende Handlung entfaltet und dabei ein geradezu philosophisches Gedankengebäude errichtet.

Ich möchte auf dieses Aufsehen erregende Opus Magnum der Gegenwartsliteratur aufmerksam machen und andere an meinen Versuchen, den Bedeutungsdschungel zu lichten, teilhaben lassen.

Beiträge zum Lesen und zum Herunterladen (im 14-Tage-Rhythmus):

Verfügbar   Beitrag
Anfang März   1. Der Roman 
Mitte März   2. Macht und Ohnmacht
Anfang April   3. „..., dachte Natalie.“
Mitte April   4. Natalies Vorstellungen
Anfang Mai   5. Wörter und die Macht von Sätzen
Mitte Mai   6. Christliche Motive und Schlussbemerkung
Anfang Juni   7. Was mich ganz persönlich an dem Roman fasziniert

Für zahlreiche klärende Gespräche danke ich Karin Raschhofer und

Karla Müller.

Weitere Texte