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Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich
Portraitiert von Nina Werzhbinskaja-Rabinowich

Lesungen:

Siehe: Retrospektive

„So etwas schreibt man nicht!“

Textprobe

Seit Erscheinen meines ersten Buches wird mir immer wieder vorgeworfen, dass meine Texte unmoralisch oder aggressiv seien und somit natürlich auch ich. Klar kommentiert hat der Psychoanalytiker Leupold-Löwenthal mein erstes Buch: Literarisch ist es gut, aber es ist unmoralisch. Leupold-Löwenthal, ein angeblich sehr belesener und literarisch interessierter Mann, kannte wohl Baudelaires Tagebuchnotiz nicht: „All jene Dummköpfe der Bourgeoisie, die unaufhörlich die Worte unmoralisch, Immoralität, Moral in der Kunst und andere Dummheiten aussprechen, erinnern mich an Louise Villedieu, eine Fünffrankenhure, die, als sie mich einmal in den Louvre begleitete, zu erröten begann, indem sie mich jeden Augenblick am Ärmel zog, ihr Gesicht bedeckte und mich vor den unsterblichen Statuen und Gemälden fragte, wie man solche Unanständigkeiten öffentlich ausstellen könne“. Ähnliche Vorwürfe wie zu meinem ersten Buch durchziehen mein schriftstellerisches Schaffen in milderer oder schärferer Form bis hin zuletzt, es sei widerwärtig, was ich geschrieben habe. Dabei hat sich die Leserschaft im Allgemeinen in zwei Parteien gespalten: Schwer Begeisterte und zutiefst Empörte. Daneben gibt es natürlich immer auch sozusagen Neutrale. Ich will versuchen, einerseits eine Erklärung dafür zu finden, andererseits möchte ich meinen persönlichen Standpunkt dazu darlegen.